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Ausgabe 4/2017 – 01. September 2017

Newsletter Ausgabe 4/2017 vom 01. September 2017    Medienprojektzentrum Offener Kanal Gießen: Von A nach B über C

Von A nach B über C

Medienprojektzentrum Offener Kanal Gießen: Von A nach B über C

MOK Gießen.

Steffen Senftleben ist seit Kurzem als Medienpädagoge im MOK Gießen beschäftigt. Er vetritt einen unserer Kollegen, der für ein Jahr im Erziehungsurlaub ist. Nachfolgend läßt uns Steffen Senftleben an einigen interessanten Gedanken zu seiner Arbeit teilhaben:

 

Ich fahre Auto -  jeden Tag - zu meiner neuen Arbeitsstelle dem MOK Gießen. Das sind rund 70km hin und 70km wieder zurück.  Wenn ich in meinen kleinen roten Flitzer einsteige, gibt es dafür eigentlich nur einen Grund: Ich möchte möglichst komfortabel und flexibel von A nach B reisen. Dabei interessiert mich weniger, wie mein Gefährt im Detail funktioniert. Natürlich muss ich wissen, wie ich es starte und navigiere und möglichweise noch, wie ich damit die Vorschriften der Straßenverkehrsordnung einhalte. Alles Weitere ist mir aber ziemlich schnuppe.

 

Das Auto ist ein Paradebeispiel für eine klassische Black-Box Anwendung. Es interessiert das Ergebnis, aber welche internen Prozesse ablaufen, sind in erster Linie nicht von Relevanz. Diese Denkweise kann durchaus vereinfachend und zielführend sein – aber sie ist vor allem Eines: oberflächlich.

Geht man davon aus, dass nachfolgende Generationen diese heuristische Denkweise beim Umgang mit Medien an den Tag legen, kann das unter Umständen große Sicherheitsrisiken und unerwünschte Folgen mit sich bringen. Denn gerade bei Heranwachsenden ist der Prozess der Identitätsbildung und Sozialisation noch im vollen Gange. Die überbordende Vielzahl digitaler Informationen zu filtern und mithilfe dieser persönliche, verantwortungsbewusste Handlungsanweisungen abzuleiten, fällt dabei nicht nur jungen Nutzern schwer. Mediale Inhalte zu produzieren geht zwar leichter denn je, sie aber zu verstehen oder gar zu reflektieren ist in der heutigen Zeit zu einer komplexen Mammut-Aufgabe geworden. Der Kontakt mit neuen Medien mag mittlerweile nativ sein, der richtige Umgang und das nötige Bewusstsein sind es hingegen nicht und müssen erst erlernt werden!

 

Was zum Beispiel passiert, wenn ich die kleinen roten Warnleuchten im Display meines Wagens ignoriere? Im besten Falle bleibe ich einfach nur stehen, da mir der Sprit ausgegangen ist. Schlimmstenfalls aber muss ich zukünftig den Zug nehmen, weil ich vergessen habe die erforderliche Ölmenge nachzufüllen und folglich das Getriebe meines Autos versagt. Oder, ich kann mit dem Phänomen des Aquaplanings nichts anfangen. Mein Know-how über einen kontrollierten Bremsvorgang könnte unter ungünstigen Witterungsbedingungen nicht mehr ausreichend sein, um meinen Zielort sicher zu erreichen. Es gibt hunderte solcher Situationen, die einen Verstehensprozess des Nutzers zwingend einfordern und die Vielschichtigkeit von zunächst banal wirkenden Abläufen aufzeigen.

 

Junge Menschen über etwas zu belehren, was sie ihr ganzes Leben schon begleitet und was von ihnen teilweise um ein Vielfaches häufiger genutzt wird, als von der Generation der Digital Immigrants, klingt zunächst paradox. Das wäre ja im Grunde so, als würde man einem Musiker die Tonleiter erklären, oder einem Maler, wie er den Pinsel führt. Auf den zweiten Blick hingegen eröffnen sich für Musiker und Maler ganz neue Möglichkeiten, wenn sie beispielsweise Kenntnisse über die Harmonielehre besitzen. Ihre Produkte müssen nicht zwangsläufig mehr künstlerische Qualität aufweisen - nein, aber sie bekommen voraussichtlich mehr Tiefgang und vor allem etwas, was man unserer Genration in so vielen Teilbereichen des Lebens wünschen kann, nämlich Nachhaltigkeit.

 

Wenn wir den Versuch wagen jungen Menschen zu erklären, dass der schnellste Weg zum Ziel nicht immer geradlinig verläuft, dass ein Navigationssystem durchaus auch für Orientierungslosigkeit stehen kann und, dass am Ende gleichzeitig auch am Anfang bedeutet, sind wir auf einem guten Weg, sie mit gutem Gewissen durch den nächsten TÜV zu bringen.

 

In diesem Sinne fahren Sie vorausschauend und kommen Sie gut an!

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